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Reporterleben | Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Wo kommen Karbens Schulden her?

. . . davon, dass wir über Jahrzehnte hinweg die Stadt aufbauten, sagt Ehrenbürgermeister Detlev Engel

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann



Eine Mensa f�r die Kurt-Schumacher-Schule, mehr Kindergartenpl�tze, Stra�ensanierungen � viel muss in Karben angepackt werden. Dar�ber werden die Parlamentarier in den n�chsten Wochen beraten. Doch ein Schuldenberg lastet auf den Etats der Stadt und ihrer Eigenbetriebe. Mehr als 2400 Euro Miese pro Karbener: Woher kommen diese Schulden?

Karben. 41 Jahre ist es nun her. Damals zog der junge Detlev Engel nach Karben. Was heute Karben ist, waren damals sch�ne, einzelne Ortschaften. Vertr�umt lagen sie in der Wetterau. Noch heute haben die Orte sich als Karbener Stadtteile ihren Charme bewahrt. Doch lastet auf den Schultern aller B�rger inzwischen ein hoher Schuldenberg � der Preis daf�r, dass Karben zur Stadt heranwuchs.

Das ist die Einsch�tzung von Detlev Engel. Vier Jahrzehnte sp�ter ist der Sozialdemokrat Ehrenb�rgermeister der Stadt. Von 1992 bis 2004 leitete er ihre Geschicke. Und hat daher einen guten �berblick, woran es liegt, dass die B�rger heute die Investitionen der Vergangenheit mitbezahlen.

�Es hat vieles gefehlt�, erinnert sich Engel an seine Anfangsjahre. �Als Burg-Gr�fenrode und Rendel zur jungen Stadt kamen, mussten sie �berhaupt erstmal an die Kl�ranlage angeschlossen werden.� Zuvor entsorgten die Einwohner ihre F�kalien in Kleinkl�rgruben. Das waren die ersten Millionen, die die Stadt aufwenden musste, um die Infrastruktur weiterzuentwickeln. Engel steht auf einem der Stege �ber einem Kl�rbecken in der Karbener Kl�ranlage in der Industriestra�e. Neben ihm der Leiter der Anlage, Herbert Schneider, und der fr�here Stadtwerke-Technikchef Michael Brill.

Kalt weht der Wind �ber das Gel�nde. Unten rauscht das Wasser farblos in der Kl�rstufe. Die Kl�ranlage ist die gr��te Investition der Stadt �berhaupt. Zusammen mit den Abwasserrohren und Wasserleitungen unter den Stra�en sind im Bereich der Stadtwerke so viele Millionen ausgegeben worden wie sonst nirgends. 1968 ging die Kl�ranlage in Betrieb, damals f�r 17 000 Einwohner in Klein- und Gro�-Karben, Kloppenheim, Okarben, Petterweil und Rodheim. Kein Wunder, dass die Anlage zehn Jahre sp�ter erweitert werden musste, um f�r 40 000 Einwohner ger�stet zu sein.

�Immer wieder gab es neue Gesetze und Verordnungen�, berichtet Herbert Schneider. Etwa mussten die Kl�ranlagen nach dem Robbensterben in der Nordsee von 1988 die Menge der N�hrstoffe in den Abw�ssern reduzieren. Immer wieder kamen zus�tzliche Reinigungsstufen hinzu. Dazu musste die Anlage laufend erweitert und in Schuss gehalten werden. Was die laufenden Kosten unkalkulierbar macht.

Investitionen verschieben oder reduzieren? Keine Chance. Abwasserbeseitigung ist Pflichtaufgabe. �Zum Wohl der B�rger�, erinnert Michael Brill. Aber nat�rlich auch der Umwelt. �Wir werden permanent �berpr�ft, was in die Nidda l�uft�, erkl�rt der Ex-Technikchef. Ebenso schwer wiegt die Pflichtaufgabe Kanalnetz: Es muss so gro� sein, dass eine bestimmte Menge ablaufen kann.

Zus�tzlich sind Staur�ume vorgesehen und �berlaufbecken wie das �stlich der Okarbener Untergasse. An der Oberfl�che nur ein unscheinbares Technikh�uschen, fasst das Becken unterirdisch 600 Kubikmeter Abwasser. �Mal eben drei Millionen Mark an Investition�, sagt Brill. �Das sind alles Sachen, die sieht man nicht, aber sie sind elementar wichtig f�r die technische Infrastruktur der Stadt�, sagt Detlev Engel. �Da wird unglaublich viel Geld im Boden versenkt.�

105 Kilometer lang ist das Kanalnetz unter der Stadt. Im Jahr muss es drei Millionen Liter Abw�sser auffangen. Allein von 1997 bis 2001 investierte Karben drei Millionen Euro. Da stellte sich f�r die Politik wie immer die Frage: Legen wir das auf die Privathaushalte um oder finanzieren wir es �ber die Geb�hren und Jahre? Detlev Engel rechnete nach, kam auf 5000 Mark pro Haushalt. �So etwas k�nnen sich viele Leute nicht auf einmal leisten.�

Also habe die Politik �bereinstimmend beschlossen, das alles via Darlehen zu finanzieren. Gleiches galt beispielsweise auch f�r die Wasserversorgung. 1,2 Millionen Liter verbrauchen B�rger und Betriebe jedes Jahr. Und auch bei Stra�ensanierungen entschied sich Karben f�r den Bau auf Kredit. �Sonst h�tten wir gar nichts machen k�nnen�, erkl�rt Engel. Nur durch die Investitionen h�tten die Stadtteile ein Gesicht erhalten k�nnen etwa Okarben, Kloppenheim oder Burg-Gr�fenrode. Dass bei den politischen Debatten heute immer allein der Schuldenberg thematisiert werde, greift dem Altb�rgermeister zu kurz. Schlie�lich habe die Kommune an vielen Stellen die Infrastruktur verbessert.

Zwei Millionen Mark f�r den Ausbau des Selzerbrunnenhofs zum Jugendkulturzentrum. 1,5 Millionen f�r die Kulturscheune. Die Park+Ride-Parkpl�tze am Bahnhof. 2,5 Millionen Euro Zuschuss f�rs ASB-Altenzentrum. Die Starthilfe f�rs Kino. Busverkehr und S-Bahn. Knotenumbauten und das Verbessern der Ampelphasen. 1971/72 die Kita Kloppenheim als erster Hort in der Wetterau. F�r Petterweil 1973 die Gro�sporthalle f�r 1,6 Millionen Mark. Feuerwehrh�user, 1982 das Hallenfreizeitbad und auch 1987 das B�rgerzentrum f�r rund 17 Millionen Mark.

�Wir mussten erst einmal �berhaupt die Infrastruktur schaffen, damit sich die Menschen hier wohl f�hlen�, erkl�rt Detlev Engel. Der Altb�rgermeister schaut die Frankfurter Stra�e in Kloppenheim hinauf. Ein ruhiges Idyll, hohe B�ume. Als Engel nach Karben kam, qu�lten sich abertausende Autos am Tag hier durch. �Das kostet alles Geld�, sagt er. �Aber nur eine Gesellschaft, die tot ist, braucht solche Investitionen nicht.�

Frankfurter Neue Presse, 13. Februar 2009