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Reporterleben | Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Unterwegs, wenn Karben erwacht

Morgens um vier legt der Winterdienst los, damit Straßen und Wege frei sind – Falschparker bereiten Probleme

Freie Straßen, griffige Wege: Darauf verlassen sich die Menschen in Karben. Damit bei Schnee und Eis niemand durch die Stadt rutschen muss, sorgt das Team des Bauhofs. Unter der Woche bedeutet das: Dienstbeginn um vier Uhr früh.

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann




Nichts los auf der Gass': Die Fahrten seien oft eintönig, sagt Erik Uebelacker. Foto: Dennis Pfeiffer-Goldmann

Karben. Als er auf die Bremse tritt, um an der Hofeinfahrt anzuhalten, wird Erik Uebelacker (60) schlagartig hellwach. Sein Wagen rutscht einfach weiter, über den Gehweg, bis auf die Rendeler Straße hinaus. Ui, ist das glatt! Da verbirgt sich unter der Puderzuckerschneedecke in Klein-Karben tatsächlich eine Eisschicht. Uebelacker greift zum Telefon. Heute reicht der siebenköpfige Bereitschaftsdienst doch nicht. Die ganze Truppe muss ran.

Eine halbe Stunde später, kurz vor fünf, sind die ersten Kollegen in Karbens städtischem Bauhof in der Robert-Bosch-Straße. Eine Kreidetafel teilt die Teams ein: In neun Kolonnen oder einzeln rücken 14 Mann in alle Stadtteile aus. Ihre Mission: wichtige kommunale Straßen, wichtige Fußwege, Steigungsstrecken und Bushaltestellen von Schnee und Eis befreien.

2.12 Uhr war es, als die Glatteismeldung des Wetterdienstes Meteomedia per E-Mail und SMS beim Bereitschaftsführer ankam. Gut schlafen könne er in keiner dieser Nächte, sagt Uebelacker. "Da wacht man jede Stunde auf, wie mit einer innerlichen Uhr."

Freie Bahn für die Pendler

Als die meisten Kollegen unterwegs sind, klettert auch der Bauhof-Vize auf seinen Arbeitsplatz: in zwei Metern Höhe am Steuer des blitzblanken, elf Jahre alten Mercedes-Benz-22-Tonners mit 220 PS. Oben drauf fünf Kubikmeter Mischung aus einem Fünftel Splitt und vier Fünfteln Salz. Hinten die Streuvorrichtung, bedienbar vom Fahrerplatz aus. "20 Prozent Menge genügen heute", sagt er und schaltet den Hebel ganz nach links. Vier Meter Streubreute sind auch passend. Der Splitt sei wichtig, wenn es sehr kalt sei. "Denn die Wirkung des Salzes lässt irgendwann nach."

Vorne am Lastwagen thront das martialische Räumschild. "Bis vor kurzem fuhren wir mit einem Autobahnschild, noch einen Meter breiter", erzählt Uebelacker, als er vom Hof in die Bosch-Straße abbiegt. Vor 30 Jahren habe das die Stadt günstig erstanden. Doch in den engen Ortsstraßen war es eigentlich immer viel zu breit. Das neue Schild nun ist auch noch leiser, dank Plastikkufe. "Das kratzt nicht so, dann beschweren sich die Anwohner weniger."

Jaja, die Beschwerden. Immer wieder beklagten sich Bürger, hat der gelernte Automechaniker und langjährige Garten- und Landschaftsbauer in 14 Jahren beim Bauhof erlebt. Warum zum Beispiel so ein großer Schneepflug durch die Stadt fahre. "Warum sollten wir ein kleineres Fahrzeug extra dafür anschaffen?", fragt er zurück. Der Lastwagen werde das ganze Jahr über im Bauhof gebraucht. Der kleinere Unimog, der sich um die engeren Straßen in Groß-, Klein-Karben und Rendel kümmert, habe dagegen in 19 Dienstjahren erst 22 000 Kilometer gefahren. Außerdem könne der 22-Tonner recht schnell viele Strecken bewältigen.

Und schnell genug könne es vielen Anwohnern auch nicht gehen. "Aber wir können nur alles nach einander erledigen", sagt Uebelacker. Wobei: Mit den Kolonnen wird schon vieles gleichzeitig erledigt. Uebelacker setzt den Blinker nach links, lässt noch ein Auto durchfahren und biegt in die Dieselstraße.

Mit dem 5-Uhr-Start heute konnten die Männer noch verhältnismäßig lange schlafen. Üblicherweise starten sie gegen vier. "Zwischen fünf und sechs läuft schon der Berufsverkehr an", erklärt Erik Uebelacker. Dann sollen nicht nur die Straßen wie hier im Industriegebiet frei sein. Bevor um sieben Uhr im Conti-Werk Schichtwechsel ist.

Rangieren mit 22 Tonnen

Ganz oben auf der Liste stehen auch Fuß- und Fahrradwege Richtung Bahnhof. "Das ist doch wichtig für die Pendler." Die Routen der Stadtbusse haben ebenso Priorität, nicht zuletzt wegen des Schülerverkehrs. Am Bahnhof dreht Uebelacker eine Runde durch die Buswendeschleife, fährt eine weitere Schleife durchs Industriegebiet, dann durch Ramonville- und Luisenthaler Straße. Am Bürgerzentrum kehren zwei Kollegen den Schnee an den Bushaltestellen weg. Uebelacker grüßt mit der Hand.

Es geht via Brunnenstraße nach Okarben. Am Bahnhof stehen zwei Bauhof-Fahrzeuge zusammen: Von einem Transporter aus, schütten zwei Kollegen die Salz-Splitt-Mischung in den Ladebehälter eines Kleintraktors nach. "Dann müssen die nicht immer alle bis zum Bauhof zurückfahren zum Nachladen", erklärt der Bauhof-Vize.

Am Straßberg kommt er zum ersten Mal ins Schwitzen. Drei Autos parken im Wendehammer der Straße Schöne Aussicht. "Das ist verboten." Die Erkenntnis hilft ihm wenig. Mehrfach muss der Fahrer den 22-Tonner vor- und zurücksetzen, um zu wenden.

Zurück durch Okarben nach Kloppenheim. Im Neubaugebiet und am Schloss kommt Uebelacker diesmal gut durch. Anders in Petterweil. Im Brauweg und der Riedmühlstraße haben Fahrer ihre Autos nahe an den Einmündungen geparkt. Zentimeterweise schleicht er um die Ecke, die jeweils drei Außenspiegel auf beiden stets im Blick. Zwischendurch richtet er sich auf und schaut, ob das Schild ebenso keine Delle verursacht. "Wenn die Leute wenigstens die vorgeschriebenen fünf Meter Abstand zu den Kreuzungen einhalten würden", sagt der Fahrer. Im selben Moment macht er an der Ecke Sudetenstraße eine Vollbremsung.

Der Blick in den Rückspiegel zeigt: Der Lkw hätte beinahe eine Fahrzeugecke mitgenommen. Also Warnblinker an und vorsichtig zurücksetzen, erneut probieren. Die gegenüberliegende Hecke bewegt sich merklich und der Schnee rieselt, als das Schild an ihr entlangschrammt. "Lieber einen Zaun oder eine Hecke mitnehmen", sagt Uebelacker. "Das können wir günstig selbst reparieren als ein Auto."

Via Spitzacker geht es Richtung Okarben. Auf den höherrangigen Straßen haben die Kollegen der Straßenmeisterei aus Bischofsheim bereits für Griffigkeit gesorgt. "Wenn noch viel Schneematsch liegt, mache ich natürlich auch hier das Schild runter", sagt Uebelacker, als er über die B 3 rollt. Bald zwei Stunden ist er schon unterwegs.

Immer mehr Fahrzeuge sind unterwegs, immer öfter Menschen zu sehen, die ersten Gehwege gefegt. Im Führerhaus hört Uebelacker das Jaulen und Brummen des Motors. Radio gibt es nicht. "Das ist schon sehr monoton." Er freut sich über jeden, der ihn grüßt.

Von Autos blockiert

Über den Promilleweg steuert der Fahrer gen Burg-Gräfenrode. "Bloß nicht von der Fahrbahn abkommen", sei mit dem 22-Tonner wichtig. In weichem Grund sacke der Lkw sofort ein oder rutsche in den Graben. "Das passiert jedes Jahr." Schäden verursacht es aber meist nicht. "Wir rutschen ja weich in den Schnee." Nur der Aufwand fürs Bergen ist groß.

Trotz des wenigen Schnees lässt Uebelacker das Schild in den Straßen Burg-Gräfenrodes herunter. "Darüber beschweren sich die Bürger auch." Doch bei Glätte raue das Schild die Eis-Oberfläche gut auf. "Dann wirkt das Salz besser." Als der Lastwagen in den Kaicher Weg einbiegt, muss Uebelacker stoppen. Ein geparktes Auto links, ein geparkter Traktor rechts. "Passt nicht." Also setzt er zurück, wählt einer andere Route.

Die Tour so gut wie geschafft. Noch ein paar Aussiedlerhöfe ansteuern, damit auch dort im Notfall die Rettung sicher ankäme. Zurück auf dem Bauhof wartet Carlos Pereira mit dem Hochdruckreiniger, um den Laster von Schnee, Salz und Schmutz zu befreien. Anschließend werden alle Fahrzeuge neu beladen, damit der nächste Einsatz so schnell wie möglich starten kann. "Um zwölf", schätzt Erik Uebelacker, "bin ich dann fertig."

Doch Am Hochholz kommt er erstmal nicht weit: Zwei Autos parken versetzt, aber nicht weit genug voneinander entfernt. Uebelacker probiert es ganz vorsichtig. "Hier käme auch die Feuerwehr nicht mehr durch, wenn es brennt." Nach einer Minute gibt er auf. Da tritt ein Mann, vielleicht 45, verschlafen in Jogginghose aus der Haustür. "Es kommt gleich jemand", ruft er, winkt. Erik Uebelacker nickt freundlich zurück. "Es macht einen schon sauer", sagt er leise, "dass da niemand mal dran denkt." An die früh morgens schuftenden Leute vom Winterdienst.

Frankfurter Neue Presse, 12. Februar 2013