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Reporterleben | Dennis Pfeiffer-Goldmann
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So laut wird die Nordumgehung

Neue Straße soll Groß-Karben vom Durchgangsverkehr entlasten und trotzdem die Anwohner am Ortsrand vor Lärm schonen

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann


Die einen können den Tag kaum erwarten, wenn die Bagger rollen und endlich absehbar ist, wann der Durchgangsverkehr aus den engen Straßen von Groß-Karben verschwindet. Die anderen bangen diesem Moment entgegen, fürchten sie sich doch vor neuem Verkehrslärm in ihrem Idyll am nördlichen Ortsrand. Wie laut die Nordumgehung wirklich wird, erklärt die FNP.

Karben. „So nah ran wie möglich, so weit weg wie nötig.“ Seine Vorgabe sei eindeutig, sagt Lutz Dathe. Er ist im Gelnhäuser Amt für Straßen- und Verkehrswesen (ASV) zuständig für die Planung der Nordumgehung für Groß-Karben. In diesen Monaten steht seine jahrelange Arbeit auf den Prüfstand: Im sogenannten Planfeststellungsverfahren des Regierungspräsidiums Darmstadt (RP) können Betroffene, Verbände und Behörden Einspruch gegen die Planung einlegen. Am Ende steht die Baugenehmigung.

Das sollte laut dem bisherigen hessischen Verkehrsminister Alois Rhiel (CDU) noch in diesem Jahrzehnt sein. Was schwierig wird, ist das RP doch noch mitten im Verfahren. Nicht zuletzt die Lärmfrage ist ein Knackpunkt. Die Menschen im Norden von Groß-Karben fürchten sich davor, dass künftig der Schall der Autos und Laster in ihre beschaulichen Gärten dringt.

„Keiner muss Sorgen haben“, sagt Planer Dathe. Vor ihm liegt die kunterbunte Lärmkarte mit dem dicken, lilafarbenen Band der Straße. Helles Gelb und Grün, wo Menschen wohnen. Der Computer hat hausgenau errechnet, wie sich der Lärm in den Ort hinein ausbreiten wird oder auch nicht. Die Karte zeigt: Außer an den Häusern am äußersten Ortsrand sind merkliche Schallpegel nicht zu erwarten. „Der Lärm der Burg-Gräfenröder Straße ist schon heute höher“, sagt Dathe.

Er räumt mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen auf. So nehme das Computermodell bei den Fahrzeugen auf der neuen Strecke stets Tempo 100 an, obwohl etwa rund um den Kreisverkehr so hohe Geschwindigkeiten gar nicht möglich seien. Auch werde stets die ungünstige Wind- und Wettersituation angenommen. „Immer großzügig zugunsten der Betroffenen“, sagt Dathe. „Die Berechnungen sind so ausgelegt, dass niemand über den Tisch gezogen wird.“

Auch erklärt der Planer, dass die Lärmwerte in neun Metern Höhe also drittes bis viertes Stockwerk errechnet werden. Dorthin breitet sich der Schall viel besser aus als tiefer unten, also auf Höhe der Gartenlaube. Bodendämpfung nennt es der Fachmann. „Natürlich wird es für den, der am Ortsrand wohnt, mehr Lärm geben als bisher“, räumt Planer Dathe ein. Aber in einem vom Gesetzgeber vorgegebenen, zulässigen Maß.

Beispielsweise dürfen nachts nicht mehr als 49 Dezibel Lärm den Anwohnern zu Ohren kommen. Dieser Wert werde nicht überschritten. Tagsüber wären sogar 59 Dezibel erlaubt, aber nur 50 bis 53 erwartet. „Das ist harmlos“, sagt Dathe. Allerdings: Bei den Nachtwerten ergab die Simulation, dass in zwei Häusern der Assenheimer Straße im ersten Stock wo oft Schlafzimmer liegen immerhin 47 Dezibel erreicht werden. „Wir sind aber aufgefordert, den Grenzwert nicht nur einzuhalten, sondern zu unterschreiten“, erklärt Dathe. Die zwei Dezibel unter dem Grenzwert genügen daher den Planern nicht. Deshalb soll auf Höhe der Assenheimer Straße zusätzlich ein Erdwall die Lärmwerte noch ein wenig absenken.

Ob so etwas auch im Bereich der Lindenstraße gebaut wird, ist noch offen. Dort müsste es die Stadt selbst bezahlen, denn die Lärmwerte werden dort erheblich unterschritten. „Die Bebauung ist noch weiter entfernt, und dort wird es viel weniger Verkehr geben“, erklärt Dathe. Sind zwischen Selzerbrunnen und Groß-Karben künftig täglich 15 800 Fahrzeuge unterwegs, werden es hinter dem Kreisverkehr Richtung Heldenbergen nur noch rund 7800 Autos und Laster sein.

Derzeit warten die Stadtverordneten auf eine Kostenschätzung für einen Wall, die seit einigen Wochen im Rathaus erarbeitet wird. An solchen Wällen schätzt Lutz Dathe allerdings nicht allein die Schutzwirkung: „Auch die Sicht wird genommen, das sei eine wichtige psychologische Komponente. Dann stört einen das Geräusch nicht mehr so.“

Warum aber muss die Straße so nah an die Ortslage heran? Das sei eine Vorgabe der Landesplanung, erläutert Lutz Dathe. Denn auch die Landschaft zu schonen, sei ein Ziel der Planung. In der Abwägung zwischen dem Schutz von Anwohnern, Natur und Landschaft ergebe sich eben diese als beste Trasse. Auch die Menschen, die in der Nidda-Aue spazieren gehen, könnten das auch nach dem Bau der Nordumgehung weiterhin. „In den Naherholungsbereichen wird es zwar keine Behaglichkeit geben“, sagt Planer Dathe. „Aber auch keine direkte Störung.“

Frankfurter Neue Presse, 10. August 2009