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Reporterleben | Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Sie haben unsere Hilfe verdient

Wie sich Altenpflegerin Saskia Scheer (27) im Groß-Karbener ASB-Altenzentrum um ihre Senioren sorgt

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann




Morgens sind die Medikamente dran: Liebevoll reicht Saskia Scheer eine Bewohner die Tabletten. „Wir sind Weltmeister im Improvisieren", sagt die Altenpflegerin mit einem Lächeln auf den Lippen. Foto: Dennis Pfeiffer-Goldmann


Über Fachkräftemangel klagen die Seniorenheime. Dabei ist kaum ein Job so sicher wie der in der Altenpflege. Doch die Arbeit hat kein gutes Image, die Mitarbeiter müssen überaus engagiert, belastbar und hochflexibel sein. So wie Altenpflegerin Saskia Scheer (27) im Karbener ASB-Altenzentrum.

Karben. Ein kurzes Klopfen, dann öffnet Saskia Scheer schwungvoll die Tür zum Zimmer von Maria Georg* (75). Weiches Licht fällt von draußen durch die beige-hellroten Vorhänge ins Zimmer. „Guten Morgen, Maria!“, ruft die junge Frau der Bewohnerin entgegen, die im Spezialbett um die Ecke herum liegt. „Hast Du gut geschlafen?

Maria Georg kann nicht antworten, zu weit ist ihre Demenz fortgeschritten. Die alte Dame schaut der Altenpflegerin aber hellwach mit erwartungsvollem Blick entgegen. Nach wenigen Schritten hat Saskia Scheer das Bett erreicht. Ein Knopfdruck, und die Matratze fährt einige Zentimeter nach oben.

Sie beugt sich über die alte Frau, fasst sie unter den Armen und richtet sie im Bett auf. Ein vorsichtiges Wischen durchs Gesicht, über die Arme und den Oberkörper. Grundpflege. „So, dann wollen wir einmal was Frisches anziehen.
Vorsichtig greift Saskia Scheer das Nachthemd, streift es Maria Georg über den Kopf. Drei Schritte durch den Raum zum Schrank, dort greift sie einen Pullunder. Den hebt sie Maria Georg über den Kopf, zieht ihn vorsichtig hinunter.

Zwischen sieben und acht in der Frühe erwacht das Altenzentrum des Arbeiter-Samariterbundes (ASB) in der Ramonvillestraße in Groß-Karben zum Leben. Denn ab acht gibt es Frühstück. Dann ist Saskia Scheer schon seit fast zwei Stunden in der Frühschicht tätig. Um 6.15 Uhr hat sie die Nachtschwester abgelöst.

Arbeit rund um die Uhr

Es folgt ein Rundgang durch die Zimmer, um zu schauen, ob alle Bewohner in Ordnung sind und wer schon wach ist. Im Altenzentrum wird rund um die Uhr gearbeitet. „Da gewöhnt man sich dran
, sagt Saskia Scheer lapidar. Aber das Privatleben leidet schon darunter.

Mit ihren 27 Jahren ist sie längst ein alter Hase in der Pflege. In Friedberg machte Scheer ihre Ausbildung, arbeitet seit fast fünf Jahren im ASB-Altenzentrum. Dort ist sie Teamleiterin im Pflegebereich. In der Regel kümmern sie sich in den Tagschichten mit fünf Kräften um ihre 50 Bewohner. Das funktioniert, weil natürlich nicht alle Bewohner so viel Aufwand bereiten wie Maria Georg.

Zum Beispiel die Damen, die sich um Viertel vor Acht gerade an den halbfertig gedeckten Frühstückstisch heranpirschen. „Guten Morgen!
, ruft Saskia Scheer in die Runde. Fröhliche Antworten schallen ihr entgegen. Dass sie gerade im Stress ist, lässt sich Saskia Scheer nicht anmerken. „Es geht darum, dass sich die Leute hier wohlfühlen. Doch sei sie stets in einer Halb-Acht-Stellung. „Man muss einfach jederzeit mit einem Notfall rechnen. Gut, dass es den nur selten gibt.

Nun hat Saskia Scheer ein ganz praktisches Problem. Maria Georg ist heute früh nicht so gut drauf. Zu steif ist sie, um beim Umsteigen von Bett in den Rollstuhl selbst zu helfen. Also muss die Schwester eine Kollegin zur Hilfe rufen. „Die Beschäftigung mit den Menschen kommt oft zu kurz.
Also nutzt die Altenpflegerin jede Minute ihres Arbeitens, um wenigstens nebenher freundliche Worte zu wechseln.

Dass sie ständig mit den schweren Krankheiten ihrer Bewohner konfrontiert ist, immer wieder auch mit dem Tod: „Man darf das Leben von hier nicht mit nach Hause nehmen.
Was auch Saskia Scheer nicht immer schafft. Selbst wenn sie so viel ihrer privaten Zeit wie möglich mit Freunden verbringt. Gleichzeitig fordert die Arbeit von der jungen Frau hohe Flexibilität. Nicht nur, dass sie jederzeit den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner nachkommen muss. Fällt einmal ein Mitarbeiter aus, muss jemand anderes als Ersatz kommen. „Hier muss der Betrieb ja weitergehen.

Intimität schreckt ab

Dass nicht jeder diesen Anforderungen gewachsen zu sein glaubt, sieht Saskia Scheer als einen möglichen Grund für den Fachkräftemangel in der Pflege an. Auch die große Intimität der Arbeit dürfte manchen abschrecken.

Gleich wird die Altenpflegerin bei Gertrud Vowinckel* (82) an die Tür klopfen, ihr beim Aufstehen helfen, sie im Bad waschen und auf die Toilette setzen. Inklusive Wäsche im Intimbereich. „Es gehört in unserer Gesellschaft doch dazu, dass sich jemand um die alten Menschen kümmert
, sagt Saskia Scheer.

Sie kennt es nicht anders, wuchs in Groß-Karben unter einem Dach mit mehreren Generationen auf, wo die Jüngeren stets den Älteren halfen. „Nach einem so langen Leben haben sie sich die Hilfe einfach verdient.“ So lag die Berufswahl nahe. „Psychologie, Medizin – hier ist von allem etwas drin
, findet Saskia Scheer.

Eines fehle dem Beruf aber, seufzt ihr Chef, Heimleiter Jörg Malkemus. Nämlich die soziale Anerkennung. Was wohl ein Grund sei, dass junge Leute den Job selten auf ihrem Radar hätten. Dagegen schätzt Saskia Scheer etwas ganz Anderes: „Das ist ein ganz sicherer Arbeitsplatz.
Denn unsere Gesellschaft altert unaufhörlich.

Gemeinsam anpacken

Schwester Anika Usic kommt den Gang herunter. Perfekt! Die Kollegin kann schnell einmal mitanpacken. Zurück im Zimmer fasst jede der Schwestern Maria Georg unter einem Arm. Gemeinsam heben sie sie hinüber in den Rollstuhl. Gleich wird Saskia Scheer die Bewohnerin zum Frühstücken schieben.

Über alles wird Saskia Scheer ausführliche Protokolle führen müssen der Teil, der ihr an der Arbeit weniger gefällt. Vorher aber, bevor sich Maria Georg in der Öffentlichkeit zeigt, nimmt Saskia Scheer die Bürste und fährt der Seniorin viele Male durchs volle, graublonde Haar. „Ich hoffe, hier etwas Gutes zu machen.“

* Namen der Bewohner aus Rücksicht auf die Privatsphäre geändert.

Frankfurter Neue Presse, 22. Mai 2010