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Reporterleben | Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Er sieht, was die Politiker lesen

Jörg Braunsdorf leitet die Buchhandlung im Außenministerium

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann




Seine Kunden sind die Berliner Politiker: Jörg Braunsdorf in seiner Buchhandlung im Außenministerium. Foto: Pfeiffer-Goldmann


Berlin/Wetzlar. "Noch etwas in den Taschen?" Ein Lächeln bekommt die Kontrolleurin an der Sicherheitsschleuse nicht hin. Wer gehorsam den Anweisungen folgt, bei dem piept es immerhin nicht, und die persönlichen Utensilien fahren geräuschlos aus dem Kasten unter dem Gummivorhang hervor. Damit ist der Weg frei in die Buchhandlung "Buch und Service" von Jörg Braunsdorf (49) im Außenministerium. "Die sicherste Buchhandlung Berlins" lautet sein Werbeslogan.

Strenge Sicherheit ausgerechnet für den Laden des Mannes, der sich vor gut 15 Jahren in Wetzlar noch gegen Bürokratie, befürchtete Staatsallmacht und all jene auflehnte, die Soldaten nicht als Mörder sahen. "Immerhin wird bei mir nicht geklaut", sagt Braunsdorf. Das tröstet nur schwach. Denn "die Schleuse bittet Fußgänger ja nicht unbedingt herein". Als der Buchhändler im Oktober 2003 im neu gebauten Ministerium am Werderschen Markt anfing, gab es die Schleuse noch nicht.

Sein Buchladen versteckt sich am oberen Rand des Lichthofs hinter ein paar Bäumen, Zitrusbüschen, einer Wassertreppe. Um die 60 Quadratmeter groß, ein Raum. Dahinter ein Verschlag als Lager und ein winziges Büro. Zum überdachten Hof hin öffnet sich der Laden.

Braunsdorf bietet neben Büchern auch gekühlte Getränke und Kaffee an

Dort stehen einige niedrige Regale mit Büchern, Zeitungs- und Postkartenständer sowie drei Tische mit Stühlen unter den Bäumen. Hier entkorkt Braunsdorf nach dem eigentlichen Geschäftsschluss auch schon mal eine Flasche Gau-Bickelheimer Riesling. "Wenn Gäste aus Wetzlar kommen." Den gießt er nun ins Spreequell-Mineralwasserglas.

Ende 1995 ging er als Vertriebsleiter zu einem Hamburger Verlag. 1998 eröffnete er in Köln ein Vertriebsbüro, arbeitete als Verleger und Verlagsberater. Nachdem Braunsdorf in Berlin angefangen hatte, witzelte die "taz", es arbeiteten nun zwei Buchhändler aus Hessen im damaligen Joschka-Fischer-Ministerium. Der eine als Minister, der andere als Buchhändler. An diesem späten Freitagnachmittag ist es ruhig in der Buchhandlung. "Mein Verkaufsrhythmus ist der Arbeitsrhythmus hier im Haus", erklärt Braunsdorf. Die 2500 Außenamts-Mitarbeiter bilden 90 Prozent seiner Kunden. Weshalb er viel mehr als nur Bücher anbietet. Reinigungsannahme, gekühlte Getränke, Kaffees. "Eigentlich wollten sie lieber ein Kiosk hier haben." Doch das habe sich nicht gerechnet. Wohl aber Braunsdorfs Buch-Konzept.

Die "Probleme wie in jeder anderen kleinen Buchhandlung auch" bewältigt Braunsdorf unter anderem dank der Erfahrungen aus seiner Zeit im Kollektiv des Wetzlarer Buchladens am Kornmarkt. Warum er überhaupt die Heimatstadt verließ? "Ich wollte einfach aus Wetzlar weg", sagt Braunsdorf. "Ich hatte das Gefühl, etwas Neues machen zu wollen."

Nach Wetzlar kommt Braunsdorf immer wieder. Seine Mutter lebt in der Wohnstadt. "Aber ich bin dann wie ein Tourist." Allerdings werde er wohl auch nie zum Berliner. Sein "normales" Leben führt der Buchhändler mit seiner Lebensgefährtin in einer Nebenstraße des Kottbusser Damms zwischen Neukölln und Kreuzberg. Dort gewinnt er den Abstand zur "Parallelwelt", dem politischen Berlin, in dem auch er arbeitet. Drumherum die bodenständigen Kieze, im Bezirk Mitte die Politiker und deren Entourage. "Die Hauptstadtwelt kann wie eine Plastikwelt sein."

Teile dieser Welt sorgen bei ihm für Umsatz. Um den Kundenkreis trotz Sicherheitsschleuse zu erweitern, veranstaltet Braunsdorf häufig Lesungen, gern auch mit Musik, Wein oder Whisky. Die Veranstaltungen sind überaus prominent besetzt. Ex-US-Botschafter John Kornblum, Obama-Berater Benjamin Skinner, Hans-Dietrich Genscher, Mohamed Hanif oder Oskar Lafontaine kommen. "Da zieht die Location." Zusammen mit Braunsdorfs zielgerichteten Kontakten ins Ministerium und der fehlenden Scheu, prominente Autoren auch einmal direkt anzufragen.

Kurz nach sieben Uhr abends schaut noch ein Ministeriums-Mitarbeiter vorbei. Der Mittdreißiger entdeckt eine lang gesuchte, dicke Biographie. Dabei ist Braunsdorfs Angebot vergleichsweise überschaubar: zielgruppengerecht besteht es vor allem aus populären Fachbüchern. Das, was die Ministeriumsbibliothek auf der anderen Seite des Lichthofs nicht bietet. Dank Internetbestellung liefert Braunsdorf auch nach Caracas, Krakau oder Katar, wenn seine Stammkunden dort sind, die Ministerialen.

Hausherr Frank-Walter Steinmeier schaute bloß einmal rein. "Ich hoffe nicht, dass der Westerwelle im Herbst kommt", sagt Jörg Braunsdorf und trinkt einen Schluck Riesling. Ein Grinsen huscht über seine Wangen. "Ich bin halt immer noch ein Sozi."

Wetzlarer Neue Zeitung, 21. September 2009