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Reporterleben | Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Die Ermittlerin der Finanzkrise

Wie Bundestagsabgeordnete Nina Hauer aus Karben das HRE-Chaos aufklärt, Politik für die Wetterau macht und ihre Familie managed

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Die Politikerin als Ermittlerin: Nina Hauer ist SPD-Obfrau im Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Finanzkrise. Links hinten wartet der Ex-Aufsichtsratschef der Hypo Real Estate, Kurt Viermetz, im einem der Ausschusssäle des Berliner Paul-Löbe-Hauses auf die Fragen der Parlamentarier. Foto: Pfeiffer-Goldmann

Sie steht derzeit oft im Blick der bundesdeutschen �ffentlichkeit: Nina Hauer (41), die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Karben. Als Obfrau ist die Finanzexpertin der SPD-Fraktion dabei, wenn der HRE-Untersuchungsausschuss Licht ins Dunkel der gr��ten Beinahe-Bankenpleite des Landes bringt. Und am 27. September wird sie ihr Direktmandat in der Wetterau verteidigen m�ssen und ihr Doppelleben als Parlamentarierin und Mutter, als Rendelerin und Berlinerin.

Berlin. �Das hat aus HRE-Sicht einen sehr gro�en Schaden angerichtet.� Nina Hauer umfasst ihren Kugelschreiber mit der linken Hand. Ihr Gegen�ber hat sie fest im Blick. Der Bundestagsabgeordneten aus Rendel sitzt Kurt Viermetz gegen�ber, ehemaliger Aufsichtsratschef der Skandal-Immobilienbank Hypo Real Estate aus M�nchen. W�hrend die meisten von Hauers Parlamentarierkollegen l�ngst ruhige Ferientage zu Hause genie�en, sind Hauer und einige wenige andere im HRE-Untersuchungsausschuss noch voll in die Berliner Parlamentsarbeit eingespannt.

Seit elf Jahren vertritt Nina Hauer die Wetterau im Bundestag. Zum Ende ihrer dritten Wahlperiode steht sie mit ihrer Aufgabe als SPD-Obfrau im Untersuchungsausschuss im Fokus der �ffentlichkeit wie schon lange nicht mehr. Spiegel, ZDF, Zeitungen viele m�chten mit ihr sprechen.

Das war zuletzt nicht immer so: Noch 2002 bis 2004 war sie die Parlamentarische Gesch�ftsf�hrerin in ihrer Fraktion. Doch in der aktuellen Wahlperiode verwehrte ihr die Fraktion einen weiteren Aufstieg. Selbst als Staatssekret�rin f�r Peer Steinbr�ck wurde sie gehandelt, aber nicht berufen. So tut sich die Gymnasiallehrerin in dem Bereich um, in dem sie sich gut auskennt: den Finanzen.

Neben dem Posten als SPD-Obfrau im HRE-Ausschuss ist Hauer auch Vize-Sprecherin ihrer Fraktion zum Thema Finanzen. Die Finanzkrise machte sie pl�tzlich wieder zu einer gefragten Fachfrau in der Fraktion und dar�ber hinaus. Die sieht sie noch aus einer weiteren Perspektive: Sie sitzt auch im Verwaltungsrat der Bundesanstalt f�r Finanzdienstleistungsaufsicht. Jene Beh�rde, die die Krise auch gerne h�tte verhindern d�rfen.

Eine knappe Stunde alt ist die Ausschusssitzung an diesem Morgen im Paul-L�be-Haus. Nina Hauer greift zur blau-wei�en Plastikt�te, die neben ihrem Stuhl steht, holt eine silberfarbene Thermoskanne heraus. Sie gie�t sich einen Tee ein. Wenn die Sitzungen lange dauern, hat sie auch noch sechs bis sieben Butterbrote und Joghurt dabei. Hauer ist die einzige Frau in der Parlamentarierrunde. Ihre Ausschusskollegen von CDU, FDP und Linken haben Viermetz bereits befragt. Wie es zum gigantischen Skandal der M�nchner Bank kommen konnte, sollen sie ergr�nden.

Die Zweitaufgabe f�r Nina Hauer: ihren Finanzminister Peer Steinbr�ck zu verteidigen. Denn Viermetz macht gleich zu Beginn klar: Was Steinbr�ck am Morgen nach der Rettung der Bank durch den Bund in die Mikrofone der Presse sprach, habe auf keinen Fall geholfen. Nina Hauer wirkt dennoch entspannt, greift zu ihrem Handy. Dezent auf H�he des Tischs tippt sie eine SMS. Es wird sp�t. Ihr B�roleiter Carsten Gilbert muss den Flug nach Frankfurt umbuchen. 13 Uhr klappt nicht. Auch mit der 14-Uhr-Maschine wird es eng.

Den Flieger m�sste sie aber auf jeden Fall bekommen, weil sie um 16 Uhr bei einer Vorstandssitzung der hessischen SPD in Gelnhausen sein will. Wird nicht p�nktlich klappen. Nina Hauer schaut kurz auf, trinkt einen Schluck Tee. Dann greift sie erneut zum Handy.

Noch eine zweite SMS muss sie schreiben. Ihr Lebensgef�hrte Nico samt Tochter Luisa (�) sind schon auf dem Weg zum Flughafen. Sie werden wohl warten m�ssen. Die Karbenerin f�hrt ein Doppelleben (siehe auch nebenstehenden Text): in den Sitzungswochen in Berlin, sonst in Rendel. Zwei Wohnungen, alles gibt es doppelt. �Alleine ist das kaum zu schaffen�, sagt Hauer. Aber gemeinsam mit ihrem Nico, der als Journalist f�r eine gro�e deutsche Tageszeitung in Berlin arbeitet.

Um 12.59 Uhr kommt die Reihe an Nina Hauer. Streng nach Fraktionsproporz hat sie knapp 20 Minuten Zeit, um Viermetz �u�erungen zu entkr�ften und Steinbr�ck zu verteidigen. Dessen Satz von der geordneten Abwicklung der HRE ist l�ngst einer der Wegpunkte der Krise. Viermetz erkl�rt, dass kurz darauf die Ratings f�r die HRE, die Bewertungen, reduziert worden seien. Ob allein Steinbr�cks �u�erung dazu gef�hrt habe, dass der B�rgschaftsrahmen von 29 Milliarden Euro nicht mehr ausreichte? �Ich glaube ja�, sagt Viermetz.

In Nina Hauers Miene l�sst sich keine Regung erkennen. Auch nicht, als Viermetz die Situation vom Sommer '08 zur�ckholt und selbstsicher feststellt: �Die HRE war eine grundsolide Bank.� In ihrer linken Hand spielt Hauer mit dem Kugelschreiber. 102 Milliarden Euro Steuergelder stecken heute in der HRE.

Mit ihrem eigenen Engagement f�r Parteifreunde hat sich Nina Hauer nicht nur Freunde gemacht. In Berlin geh�rt sie zum engen Zirkel der Netzwerker in der SPD-Fraktion. 50 Abgeordnete, Reformer der Mitte. Frank-Walter Steinmeier wird ihnen zugerechnet, Umweltminister Sigmar Gabriel ebenso. In ihrer politischen Heimat macht ihr diese Ausrichtung durchaus zu schaffen, nachdem sie etwa den ehemaligen hessischen Fraktionsvize J�rgen Walter unterst�tzte. �Nicht alle haben das gesch�tzt, wie ich mich da positioniert habe.�

Die Delegierten verwehrten ihr in der Folge einen sicheren Listenplatz f�r die Bundestagswahl. Zwar hat sie den Wahlkreis dreimal direkt gewonnen, auch gegen CDU-�bervater Klaus Minkel. Und ihrer aktuellen Gegnerin Lucia Puttrich, CDU-Kreischefin und B�rgermeisterin von Nidda, fehlt die bundespolitische Erfahrung. Doch Nina Hauer fehlen Netz und doppelter Boden. �Ich muss dieses Direktmandat gewinnen, wei� die Rendelerin. Sonst sieht es mau aus.�

Dass sie mit ihrer Finanzpolitik und der Familienpolitik f�r die Menschen in der Wetterau wirkt ihr Licht stellt Hauer an diesem Morgen beim Fr�hst�ck unter den Scheffel. �Viele haben noch nicht bemerkt, dass bald Wahl ist��, am�siert sich Hauer, wohl auch ein bisschen �ber sich selbst. Weil die Sitzung in der Nacht bis drei Uhr dauerte trinkt sie ausnahmsweise einen Milchkaffee statt des �blichen Tees.

Greifbare Erfolge? Der j�ngste: Dass Friedbergs Westumgehung in Betrieb ging. Nach Jahrzehnten der Planung sei der gordische Knoten durchschlagen worden, als sie vor einigen Jahren Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) nach Friedberg gelotst habe. �Als er auf der Kaiserstra�e im Caf� sa�, hat er verstanden, warum wir diese Stra�e brauchen�, sagt Hauer. Den B 3-Ausbau auch in W�llstadt und Karben zu vervollst�ndigen, sieht sie als elementar an. �Die Wetterau ist eine hoch mobile Region. Auch deshalb ist sie so lebenswert, das macht sie so reich�, sagt Hauer. F�r die Mobilit�t brauche es eben den schnellen Ausbau.

Im Ausschuss spricht Kurt Viermetz noch immer. Hauer dreht sich nach hinten. Dort sitzt Christian Henger, der die Arbeit der SPD-Leute im Ausschuss koordiniert. Einige Akten l�sst sie sich von ihm geben, schl�gt darin etwas nach. Steinbr�cks Haus habe die Aussage doch bereits zwei Stunden sp�ter n�her erl�utert, erinnert Nina Hauer den Ex-Aufsichtsratschef. Das habe dennoch solche Folgen gehabt? Es sei nun einmal eine dramatische Situation auf der ganzen Welt gewesen, sagt der ehemalige Banker. �Eine Vermischung unglaublicher Unsicherheiten.�

Nina Hauer hat den rechten Arm aufgest�tzt, schaut Viermetz an, sch�ttelt den Kopf. �Wenn �u�erungen eines Ministers, die zwei Stunden auf dem Markt sind, zu Ver�nderungen der Ratings f�hren�, seufzt Hauer, �dann wundert mich nichts mehr an der Krise.�

Frankfurter Neue Presse, 15. Juli 2009