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Reporterleben | Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Der gefühlte Fluglärm

Anwohner in Karben beschweren sich über Jets, die schon immer dort flogen

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann



Abflug über Karben: Schon seit Jahrzehnten sind die Flugzeuge über Karben unterwegs, nun beschweren sich die Anwohner. Foto: Dennis Pfeiffer-Goldmann

Mehr Fluglärm in Karben? Zumindest beschweren sich Bürger aus Rendel darüber. Bloß gibt es gar keine neuen Flugrouten über der Stadt. Ein Phänomen, das beileibe nicht nur in Karben auftritt.

Karben. Es ist ein Geräusch, das die Karbener seit Jahrzehnten kennen. Ob beim Spaziergang in den Nidda-Wiesen oder im Klassenzimmer der Kurt-Schumacher-Schule, wenn die Fenster sommers geöffnet sind: das Brummen der Flugzeuge, wenn sie über der Stadt gen Westen nach Amerika abdrehen.

Als vor knapp einem Jahr am Frankfurter Flughafen die Flugrouten für die neue Nordwestlandebahn geändert wurden und in ganz Rhein-Main die Fluglärm-Debatte startete, kam das Thema auch in Karben hoch. Bürger machten im November im Rendeler Ortsbeirat ihrem Ärger Luft (die FNP berichtete): „Wir waren nie ein Überfluggebiet, das hat sich seit März geändert“, sagte dort Burchard Bott. „Die Flugzeuge fliegen in einer Höhe, die nicht tolerabel ist.“

Flieger näher und tiefer?

Eine lockere Initiative von Anwohnern aus dem Norden Rendels mag den neuen Lärm nicht ertragen. Mit ihren Beschwerden richten sie sich anders als die übrigen Fluglärmgegner in Rhein-Main nicht gegen anfliegende, sondern gegen abfliegende Maschinen.

Davon wird Karben bei Ostwindwetter betroffen: Dann führt die Flugroute 07 lang von den Startbahnen Richtung Osten, biegt vor Offenbach nach Nordosten ab, führt über Bergen, Niederdorfelden östlich an Rendel und dem Karbener Wald entlang. „Sie ist speziell für langsamer steigende Maschinen gedacht“, erklärt Kristina Kelek von der Deutschen Flugsicherung (DFS).

Vor allem aber ist diese Flugroute eines nicht: neu. „Seit wir uns hier erinnern können, fliegen die Flugzeuge auf diesem Weg von Frankfurt ab Richtung Norden und Westen“, berichtet Kelek. „Schon immer.“ Mit den Änderungen im vergangenen Jahr seien lediglich Anflugrouten verändert worden, nicht aber die Karben betreffenden Abflugrouten. „Es gibt hier keine neue Belastung.“

Grünen-Stadtverordneter Achim Wolter sieht das anders: „Die Nähe zu Rendel ist größer geworden“, sagt er. „Die Flugzeuge fächern aus der Linie heraus.“ Und dabei flögen die Maschinen viel tiefer, findet ein Senior aus der Bismarckstraße, der nicht namentlich zitiert werden will.

Wenn die Flugzeuge abdrehten, haben sie schon eine große Höhe erreicht und müssten Mindesthöhen einhalten, erläutert dagegen DFS-Sprecherin Kelek. Laut der Flugdaten des gemeinnützigen Kelsterbacher Umwelthauses sind die Airbusse und Boeings in rund 1700 bis 2800 Metern Höhe unterwegs, wenn sie abdrehen und dann auch direkt das Karbener Stadtgebiet überfliegen. Vor allem aber: Die Maschinen flogen ihre Abflüge vor einem Jahr, bevor die Anflugrouten verändert wurden, auf vergleichbaren Routen und in ähnlichen Höhen wie heute.

Das zeigt ein zufälliger Vergleich auf der Umwelthaus-Seite im Internet zwischen den Flugbewegungen zur Mittagszeit am 17. Februar 2011 und am 10. Februar 2012: Der Lufthansa-Jumbo 456 nach Los Angeles fliegt an beiden Tagen auf Höhe von Rendel genau gleich hoch in 2100 Metern. Lufthansa-Flug 400 nach New York hat an dem Tag im Jahr 2011 (Boeing 747) auf Höhe von Karben eine Höhe von 2100 Metern erreicht und dreht mitten über der Stadt nach Westen.

Dieses Jahr wird der Flug von einem Airbus A340-600 ausgeführt, der schon südlich der Stadt Richtung Dortelweil abdreht und das sogar bereits in einer Höhe von 2500 Metern. Die Lufthansa-Maschine nach Tokio (Boeing 747) fliegt an jenem Tag 2011 in 1900 Metern östlich an Rendel vorbei. Im Jahr darauf ist ein deutlich leiserer Airbus A 380 dort in 1700 Metern unterwegs.

Eindruck contra Fakten

Wie kommt es aber, dass der Fluglärm die Anwohner nun stört? „Die Menschen sind sehr sensibel, auch weil das Thema in der Presse so stark präsent ist“, erklärt Johanna Eckhart vom Umwelthaus. Lärmbeschwerden gebe es auch in vielen Orten, in denen sich überhaupt nichts geändert habe. „Wir haben sogar Anfragen aus Wetzlar und anderen weit entfernten Regionen, wo die Flugzeuge objektiv wirklich sehr hoch sind.“

Dann hülfen oft auch Fakten nicht, etwa die unabhängig gemessenen Fluglärmwerte, die das Umwelthaus im Internet veröffentlicht. „Die Leute sagen dann: Das stimmt nicht“, berichtet Johanna Eckhart.

Auch die Rendeler wollen sich mit dem Argument, dass sich nichts geändert habe, nicht abspeisen lassen. „Das ist ja hier eine objektive Feststellung, kein subjektiver Eindruck“, sagt der Senior aus der Bismarckstraße. Es sei aber schwierig, die Fakten einzufangen. Und auch den Überflugdaten der DFS mag er nicht glauben. „Es ist viel schlimmer, als es je war.“

Burchard Bott dagegen mag derzeit gar nichts sagen. „Wir sind in keiner Protesthaltung und haben kein Interesse an einer Konfrontation“, sagt er. „Wir reden lieber mit der Stadt als über die Presse.“

Bei der Stadt scheint man den Bedarf dafür nicht so zu sehen. Stadtrat Michael Ottens (FW) hat den Eindruck, dass sich die Aufregung wieder gelegt habe. Das merke man im Rathaus: „Es gibt“, sagt Michael Ottens, „keine Beschwerden mehr.“

Frankfurter Neue Presse, 22. Februar 2012